Als ich im Dezember 1989 in Bangkok heiratete, saß ich mit unseren
Hochzeitsgästen auf dem blitzblanken Wohnzimmerboden meiner Schwiegermutter,
während neun buddhistische Mönche uns in monotonem Gebetsgesang in den Ehestand
segneten. Wir hatten fünfunddreißig Grad und gefühlte hundertneunzig Prozent
Luftfeuchtigkeit, und ich war gut damit beschäftigt, meinem torkelnden
Kreislauf immer wieder gut zuzureden.
Unsere Hochzeitsnacht und die Folgetage verbrachten wir in der
„Honeymoon-Suite“ des Hilton at Nai Lert Park, wo sich zwanzig Jahre später der
Kungfu-Schauspieler David Carradine bei erotischen Strangulationsspielchen
erhängte. In meinem Schrank, wohlgemerkt.
Meine beiden Trauzeugen hätten unterschiedlicher nicht sein können: Der eine
war der ehemalige deutsche Generalkonsul in Bangkok, er war aus Freundschaft zu
mir zu unserem Fest geflogen. Später diente er unserem Land in mehreren Ländern
als Botschafter. Der andere war Albert, ein Bonner Bekannter, der sich selbst
zu dem Fest eingeladen hatte. Da wir auch geschäftlich kooperierten, konnte ich
ihm den Wunsch schlecht ausschlagen, obgleich ich mehr als einmal das Gefühl
hatte, dass er sich in erster Linie wegen meiner Medienpräsenz an mich
heranschmiss. – Drei-vier Tage vor unserer Hochzeit hatte er mir
zungenschnalzend erzählt, was für eine „süße Kleine“ er sich letzten Abend
gekauft hatte, und auch am Folgetag berichtete er mir, er habe sie letzte Nacht
wieder „hergenommen“. – Ich interessierte mich nicht dafür. Bangkok war voll
von Prostituierten.
Drei Jahre später war dann ich sein Trauzeuge, als er die sympathische junge
Ärztin Anja ehelichte, die ihm schon bald einen kleinen Sohn schenkte.
Allerdings schien mir das Glück nicht zu halten, denn Anja wirkte bei jedem
unserer Treffen niedergeschlagener. Umso erstaunter waren wir, als Albert anrief,
er werde zum zweiten Mal Vater. Es verwirrte mich tags darauf, dass Anja sich bei
meiner telefonischen Gratulation sehr reserviert verhielt. – Jedenfalls, es kam
eine Tochter zur Welt.
Zehn Tage später verließ Anja ihren Mann Hals über Kopf mit den beiden Kindern
und nur dem Allernötigsten.
Ich rief sie in der Praxis an.
„Er hat mir die Beine auseinandergedrückt und mich vergewaltigt!“, schluchzte
sie.
Ich entschloss mich, Albert sofortiges Hausverbot zu erteilen. Vorsichtig
fragte ich nach einem aktuellen Grund für den überstürzten Auszug.
„Das weißt du nicht?“
„Die Vergewaltigung.“, vermutete ich. „Dafür gehört er vor Gericht.“
Ich hörte ihren keuchenden Atem.
Eine Kollegin ihres Mannes hatte sie aufgelöst angerufen: Sie habe Albert zu
seiner kleinen Tochter gratuliert. Der habe genüsslich mit der Zunge
geschnalzt: „Ja, und in ein paar Jahren hat Papi was zum Spielen!“ Die Kollegin
griff sich schnurstracks das Telefon. Zwei Stunden später schon war Anja aus
der Wohnung.
Jetzt war mir klar, was der zungenschnalzende Albert in Bangkok mit der „süßen
Kleinen“ gemeint hatte. Er hatte sich, wie ich wenig später herausfand, auf
Phatphong ein achtjähriges Mädchen gekauft und es am nächsten Abend ein zweites
Mal missbraucht.
In Bangkok fängt man sich schnell eine Kugel ein, nicht zuletzt von der Police.
Ich wünschte mir, ich hätte damals schneller geschaltet. – Am Ende, als die
Schlinge um ihn sich aus anderen Gründen zuzog, flüchtete er in einer Nacht-
und Nebelaktion nach Brasilien.
Warum erzähle ich das hier? Weil es zu den bittersten Momenten meiner
20jährigen Coachingpraxis gehört, von Klientinnen immer wieder die gleiche
Geschichte zu hören: Missbraucht als kleines Mädchen, und das ausnahmslos (!)
von einem engen Angehörigen: Papa, Opa, Onkel, etc.. – Jedes Mal wieder schluckt
man dann, angesichts der völligen Skrupellosigkeit des Täters gegenüber einem
Kind. Dabei fallen zwei vom Täter verwendete Abwehrstrategien auf: „Die hat es
doch selber drauf angelegt!“, – also Verschiebung der eigenen Schuld und Gier auf
das Opfer. Oder schlichte Brutalität, mit der der Wille des Opfers aus reiner
Eigensucht gebrochen wird, verbunden mit der nachfolgenden Drohung, Eltern und
Geschwister zu töten, falls das kindliche Opfer nicht schweigt. – Beides gleich
widerlich.
Umso wichtiger, sich einmal wissenschaftlich damit zu
beschäftigen. Was läuft falsch bei solchen Menschen?
„Die sexuelle Ansprechbarkeit durch das vorpubertäre Körperschema wird als
Pädophilie, die Ansprechbarkeit durch das frühpubertäre Körperschema als
Hebephilie bezeichnet.“, schreibt es Klaus M. Beier in seinem Lehrbuch
„Sexualmedizin“. Nicht selten wählen solche Menschen dann Berufe, die sie in
die Nähe von Kindern bzw. Jugendlichen bringen: Lehrer, Sozialarbeiter,
Jugendpfarrer, Sporttrainer, etc. Der Missbrauchsskandal der katholischen
Kirche ist also alles andere, nur kein Zufall. – Die sogenannte „sexuelle
Präferenzstruktur“ solcher Menschen ist mit Ende der eigenen Pubertät
festgelegt und von hoher Stabilität. Hochproblematisch sind Menschen des „exklusiv
pädophilen“ Typus, da sie sich ausschließlich auf kindliche „Partner“ fixieren,
während der „nichtexklusive Typus“ auch auf Erwachsene wechselt: von der
(Stief-)Tochter zur Mutter beispielsweise, aber nicht nur. – So bitter es
klingen mag: Diese sogenannte „Störung der Sexualpräferenz“ ist für den
Betroffenen Schicksal und nicht freie Wahl. Sie fällt dem vorwiegend männlichen
Täter zu und ist durch therapeutische Maßnahmen nicht (!) zu beheben. Eine
niederschmetternde Erkenntnis.
Was aber soll man dann tun mit einem Pädophilen, der bisher noch nicht zum
Täter geworden ist? Neuere Therapiekonzepte fokussieren sich darauf, die
Bewusstwerdung des Betroffenen über seine eigene Veranlagung zu begleiten:
Einerseits werden Verantwortungs- und Gewissensfunktionen gestärkt, indem die
Folgen für ein mögliches Opfer und damit auch für den Pädophilen selbst
verdeutlicht werden. Andererseits gilt es, die Projektion eigener Triebwünsche
auf das Triebobjekt bewusst zu machen. – Also kein „Der/die will es doch auch!“
Vielmehr sind es die Wünsche des (potenziellen) Täters, die dem Kind projektiv
unterstellt werden. Mit anderen Worten: Es gibt eine klare Differenz zwischen
meinen (Täter-)Wünschen und denen des Kindes. Diese Bewusstwerdung soll es dem
Betroffenen ermöglichen, sich seine Trieb- und Masturbationsfantasien
quasi unbeschwert zu leisten, deren Umsetzung in die Realität jedoch zu
unterlassen. Da es in Deutschland aus guten verfassungsrechtlichen Gründen
keine Vorbeugehaft gibt, ist dies der einzige gangbare Weg, sofern noch nichts
passiert ist.
Trotzdem interessiert uns natürlich auch die Frage nach der Entstehung solch fataler
Neigungen. Eine interessante Antwort gibt uns der Klinische Psychologe Dr.
Fritz Lackner (Wien) in der Zeitschrift „Psychotherapeut“ vom April 2013, die
ich hier nur knapp darstellen kann: So stellt er Pädophilie als ein
Zusammenspiel(!) von Perversion (pathologische Triebstruktur), Impulsivität
(mangelhafte Selbstbeherrschung) und Psychopathie (fehlende Gewissensbildung;
Bereitschaft anderen zum eigenen Vorteil zu schaden) dar. Dazu kommt die
Unfähigkeit, Gefühle und Absichten eines Gegenübers aus dessen Verhalten zu lesen,
anstatt eigene Triebwünsche auf ein wehrloses Kind zu projizieren. („Die wollte
es doch!“) – Solche psychischen Defekte können auf bestimmte Bereiche begrenzt
sein („braver Familienvater“) oder übergreifend die gesamte Persönlichkeit
bestimmen („offensichtlicher“ Psychopath). – In beiden Varianten haben wir es
mit einer Form des pathologischen Narzissmus zu tun. Bei schweren Störungen
kommt es zu einer (Selbst-)Idealisierung der aggressiven und sadistischen Eigenanteile des Täters: Er
findet sich auch noch großartig dabei.
Aber wie kommt es zustande? Alle psychoanalytischen Beiträge über Pädophilie
attestieren dem Täter eine hoch ambivalente Mutterbeziehung: gehasst und begehrt
war sie, seelisch unerreichbar und gerade deshalb so ersehnt. So erzeugen
Pädophile dann in praktisch allen Beziehungen ein Mutter-Kind-Autoritäts-Muster:
es gibt keinen gleichberechtigten Austausch, sondern nur Macht. Und es geht
noch tiefer: der Pädophile ist als Säugling häufig zu lange gestillt worden,
bis zum abrupten Abbruch, der zu einem Abstilltrauma führt: die erlebte
Hilflosigkeit führt zu Hass, dazu sind auch schon Säuglinge fähig.
Vernachlässigung, Misshandlung oder Verlusterfahrungen tun ein Übriges.
Menschen im Umkreis des Pädophilen führen keine eigene Existenz, sondern ein
Schattendasein und sind nur von Belang, wenn es um seine Bedürfnisbefriedigung
geht. Beziehungen des Täters bleiben somit ausbeuterisch und parasitär, wie
eben auch gegenüber den kindlichen Opfern, die er nur scheinbar „verehrt“. Denn
in Wirklichkeit geht es um Macht, und damit auch ein Stück weit um Rache an der
Mutter: ohne das Dominanzgefühl gegenüber dem kindlichen Opfer entsteht keine
sexuelle Erregung. Und gerade dieses Dominanzgefühl ist es, was die tief
sitzenden Gefühle des Täters von Ohnmacht und Wertlosigkeit kurzfristig verschwinden
lässt. Bestätigt wird dies durch die Angst der meisten Pädophilen, wegen eines
zu kleinen Penis verlacht zu werden: die große Mehrheit ist zutiefst überzeugt,
als Mann für eine erwachsene Frau grundlegend inadäquat zu sein. – Die Kinder
hingegen würden den phantasierten Penis-Mangel nicht bemerken, was wenigstens
für eine kurze Zeit das kaum existente Selbstwertgefühl hebt. Denn der
Pädophile weiß nicht genau, wer er ist und fühlt eine Leere dort, wo seine
Identität sitzen sollte. Frühe Schuld- und Schamgefühle verhinderten deren
Entwicklung.
Immer wieder haben Frauen mir erzählt, wie beschmutzt sie sich durch diese Verbrechen
fühlten. Damit schafft der Täter es, die gefühlte eigene Wertlosigkeit an sein
Opfer weiterzugeben, nicht selten lebenslang. Den Täter haben wir hier
beschrieben, um das Perverse seines Handelns besser verstehen zu können. Dem
Opfer hingegen gelten unsere Wertschätzung und unser Mitgefühl und all unser
Bemühen, dass es ihm gelinge, sich auch psychisch aus den Klauen des Täters zu
befreien.