Trümmerkind

Lübbe-Verlag, 430 S.

Schwarz-Rot-Braun

Schuld war keiner, die Antisemiten reden Klartext, die Kriegsniederlage ist auch persönliche Niederlage, - und ansonsten regieren Bigotterie, latente Hitler-Sehnsucht, Zynismus, Brutalität und kleinbürgerliche Verlogenheit im bayerischen Fürstenfeldbruck der Nachkriegszeit. Flüchtlingssiedlungen werden hochgezogen, Häuser renoviert.

Fürstenfeldbruck in den 50ern: Blick vom Marktplatz / Hauptstraße auf das wunderschöne alte Rathaus mit Amperbrücke und Leonhardikirche. Vor der Brücke links entstand später die Eisdiele 'Tre Cime' aus dem Kapitel 'Nellys Hasilein'.

Fürstenfeldbruck in den 50ern (provisorisches Bildmaterial): Blick vom Marktplatz / Hauptstraße auf das wunderschöne alte Rathaus mit Amperbrücke und Leonhardikirche. Vor der Brücke links entstand später die Eisdiele 'Tre Cime' aus dem Kapitel 'Nellys Hasilein'.

Darüber vergisst man einvernehmlich, auf welche Weise die Frauen sich bei den Amerikanern ihre Nylons verdient haben. – Alles hat wieder in Ordnung zu sein. Und die paar US-Panzer sind schnell durchgefahren. Der erste Jude nach dem Krieg eröffnet wieder einen Hosenladen und ist freundlich zu unserem kleinen Helden. – Wo sind die anderen Juden in der Stadt geblieben?

Hitler hat nie gelebt

In diesem Milieu aus Muff, verdrängter Schuld und Opferverhöhnung wächst der kleine Wolf Achinger auf: der Vater Bazi Achinger ein kriegstraumatisierter und von den Siegern misshandelter Bäcker, der damals die Leichen der Wilhelm-Gustloff aus dem Wasser fischen musste. Die Mutter Sophie eine Friseuse, die unbedingt nach oben will. Der Großvater Sepp Früchtl ein Säufer und Wirtshausschläger, die Oma Maria eine „guate Haut“. 

Frühe Familienidylle, ca. 1951, von links: Mutter Sophie, daneben Opa Sepp Früchtl und das Hausmädchen, das im Kapitel 'Mamma Mia' vorkommt und von der Mutter völlig falsch beschuldigt wurde. Daneben Oma Marie Früchtl und der Autor.

Frühe Familienidylle, ca. 1951, von links: Mutter Sophie, daneben Opa Sepp Früchtl und das Hausmädchen, das im Kapitel 'Mamma Mia' vorkommt und von der Mutter völlig falsch beschuldigt wurde. Daneben Oma Marie Früchtl und der Autor.

Als Mama mit einem Kapitän aus der Bäckerei durchbrennt, lässt sie den Zweijährigen zurück. – Dieser erzählt die ganze Geschichte aus der Sicht eines Kindes, das die kantigen und verschrobenen Typen beobachtet, die nostalgischen Wirtshausgespräche notiert („Hamma doch g´scheit aufg´räumt mit´m Jud´, gell..?“), und irgendwann die Loslösung vollziehen muss aus dieser Welt von Realitätsverleugnung, Gewalt und Irrsinn. – Vorgelebt nicht zuletzt im „Bräu-Roserl“, der Wirtschaft des durch und durch braunen Schullerer Beni, der unentwegt über die „Vadalanzvarrääda“ und die Juden schimpft.

Autor und Halbschwester 'Micki' aus dem Kapitel 'Mamma mia'.

Autor und Halbschwester 'Micki' aus dem Kapitel 'Mamma mia'.

Kind ohne Blechtrommel

Ein Jahr nach dem Ausbruch der Mutter heiratet der Vater erneut. - Die Stiefmutter Traudi Topfmacher, eine Kriegerwitwe, entpuppt sich schnell als hinterhältige Schlange. Großeltern Früchtl und das neue Paar wohnen unter einem Dach, bald schon mit einem kleinen Schwesterchen namens Sonja. Hass, Infamie und Gewalt sind vorprogrammiert, einschließlich eines Mordversuchs von Opa Früchtl, der den verhassten Schwiegersohn mit dem Vorschlaghammer erschlagen will. Der junge Wolf beobachtet und erzählt – fast wie ein kleiner Oskar Matzerath – und macht die enge, stickige Nachkriegsatmosphäre beklemmend intensiv erlebbar.

Ein deutscher Kleinkrieg

Nach einem weiteren gewalttätigen Eklat mit dem saufenden Großvater verlässt die Familie die Bäckerei und zieht um in den Beamtenhaushalt von Traudis Eltern. Traudis Vater ist kurz vorher verstorben, und ihre immer debiler werdende Mutter kämpft verzweifelt und erfolglos darum, die Herrschaft in ihrem eigenen Anwesen zu behalten. Vater Achinger hat den Bäckerberuf aufgegeben und lernt Versicherungskaufmann. Er ist monatelang auf Ausbildung, während Traudi ihren Stiefsohn schikaniert.

Eine Begegnung mit der leiblichen Mutter wird mehr als zehn Jahre lang hintertrieben. – Eine Art Ersatzmutter wird die schwer herzkranke Nachbarin Nandl, die sich an den inzwischen 12-13jährigen klammert und ihm von ihrem Mätressendasein während des Ägypten-Feldzuges vorschwärmt. Später stirbt sie, der Junge trifft, inzwischen 15jährig, erstmalig seine Mutter wieder, die sich nach der langen Zeit nach Fürstenfeldbruck zurückwagt und ihm letztlich eine Fremde bleibt. Nun beginnt zwischen den von Rachegedanken getriebenen Elternteilen ein gegenseitiges Zerren und Erpressen um die Gunst des Kindes, die den Heranwachsenden an den Rand des Suizids treiben.

Hochwasser in Fürstenfeldbruck: Die Anfangsszenerie aus dem Kapitel 'Greane Gumpen'.

Hochwasser in Fürstenfeldbruck: Die Anfangsszenerie aus dem
Kapitel 'Greane Gumpen'.

 Ein bayrischer Rockerkrieg

Später nimmt eine Rockergang den jungen Wolf ins Visier und droht ihm mit seiner Ermordung. Es kommt zum Showdown mit Gangleader „Loser“, - einem Spielkameraden aus frühester Kindheit - den er alleine durchsteht, da die Eltern ihn abgeworfen haben und nur die kleine Sonja noch zu ihm steht. Der Vater hat seine Freundinnen, Traudi wird immer hysterischer und unberechenbarer, und Wolf Achinger, inzwischen 17jährig, weiß sich keine andere Lösung mehr, als die Ermordung des Rockerführers vorzubereiten. In einer Art kleinstädtischer High-Noon-Szene auf einer Teenager-Party im Jungbräu erinnert sich Anführer „Loser“ gemeinsamer Szenen im Sandkasten und bringt seine Tat nicht übers Herz. Wolf auch nicht. – Sie versöhnen sich vor dem fassungslosen Publikum.

Unglaublich, aber tatsächlich wiedergefunden: Ein Foto aus der legendären Faschingsparty im Fürstenfeldbrucker 'Jungbräu', an deren Ende die Schlägerei mit der Gang von 'Loser Luttenwang' stand. Rechts hinten mit Kappe der Autor, gegenüber der Mitschüler Blaumeisl, der im Kapitel  'Nellys Hasilein' die Rolle des sexuellen Instruktors übernommen hat. Die Damen sind echte Gewächse aus dem Mädchenpensionat 'Albertinum' und waren hinterher Augenzeuginnen der Schlägerei.

Unglaublich, aber tatsächlich wiedergefunden: Ein Foto aus der legendären Faschingsparty im Fürstenfeldbrucker 'Jungbräu', an deren Ende die Schlägerei mit der Gang von 'Loser Luttenwang' stand. Rechts hinten mit Kappe der Autor, gegenüber der Mitschüler Blaumeisl, der in 'Nellys Hasilein' die Rolle des sexuellen Instruktors übernommen hat. Die Damen sind echte Gewächse aus dem Mädchenpensionat 'Albertinum' und waren hinterher Augenzeuginnen der Schlägerei.

Hasilein und die Aufklärung

Die familiäre Szenerie besteht nur noch aus Heuchelei nach außen und Schikane nach innen. Witzige und oft bizarr-originelle Kleinstadtbegebenheiten lockern den Alltag immer wieder auf. Der vorläufige Höhepunkt allerdings naht in Gestalt der 20jährigen Cousine „Hasilein“, die – obwohl mit einem Flugkapitän verlobt – den noch jungfräulichen Wolf ins Bett kriegen will. Die Vorbereitungsszene vor den neugierigen Klassenkameraden in der Eisdiele „Tre Cime“ erinnert an „American Graffiti“. Im entscheidenden Moment endlich trampelt Vater „Bazi“ Achinger ebenso ahnungs- wie instinktlos dazwischen. Tags darauf kommt der Verlobte an, und Wolf lauscht frustriert den Geräuschen aus dem Gästezimmer über seiner Schlafkammer.

Liebe und Mafia

Verschiedene Versuche eines Beziehungsaufbaus zu Wolfs richtiger Mutter scheitern an der gegenseitigen Fremdheit. Die Familienatmosphäre ist längst zum gegenseitigen Horror geworden. Wolf, jetzt 19-20jährig und liiert mit der hysterisch-eifersüchtigen Goldie, sucht sich seine Anerkennung bei den Jungsozialisten und verdient sein Geld als studentischer Briefträger. Die Szenen mit den Postlern sind königlich-bayerisches Amtsgericht pur!

Goldies jüngere Schwester Regine versucht, ihn zu verführen, aber irgendwie wird es nichts. Und dann, während der Parteiarbeit, trifft Wolf auf seine große Liebe Sue: 27jährig, Pädagogin, frisch geschieden. Es entspinnt sich eine große Romanze mit einer leider völlig missglückten Nacht: Beide haben zu viel getrunken, Wolf schläft neben ihr einfach ein. – Aber Sue treibt ein Doppelspiel und verschwindet eines Tages mit einem deutsch-amerikanischen Millionär mit gekauftem deutschen Adelstitel. Wolfs hilfloses Sperrfeuer führt zur Erkenntnis, dass Sue´s Geliebter für die US-Mafia arbeitet: er investiert schwarzes Geld in Deutschland. Die Sache wird gefährlich für Wolf, und resigniert gibt er auf. Jahre später kehrt Sue verzweifelt zurück: sie ist in Lebensgefahr, die Mafia hat ihren Geliebten getötet und einbetoniert. Aber Wolf, ernüchtert und enttäuscht, nimmt den Faden zu ihr nicht mehr auf.


Fürstenfeldbruck: Die Schöngeisinger Straße im tiefen Winter.
Fürstenfeldbruck: Die Schöngeisinger Straße im tiefen Winter.


Alter Traum wieder entdeckt (von links): Autor Späth, daneben die Israelin 'Raija' aus dem Kapitel 'Matusociwz, der Jud´'. Daneben eine weitere damalige Mitarbeitern der israelischen Botschaft in Bonn und ein gemeinsamer Bekannter.

Alter Traum wieder entdeckt (von links): Autor Späth, daneben die Israelin 'Raija' aus dem Kapitel 'Matusociwz, der Jud´'. Daneben eine weitere damalige Mitarbeitern der israelischen Botschaft in Bonn und ein gemeinsamer Bekannter.


Orgie des Vergessens

Wolf, inzwischen ein Mann in den besten Jahren und weltläufig geworden, kehrt eines Tages nach Fürstenfeldbruck, die Stadt seines Ursprungs und seiner frühen Leiden, zurück. Nichts hat sich verändert: dieselben Typen sitzen an denselben Tischen, regiert von derselben unfähigen Verwaltung, gesellschaftlich immer noch dominiert vom „Heimatverein Ampergilde“.

Er geht zu seinem alten Stammcafé, wo die Ampergilde tagt. Hitze und Suff führen zu einer erotischen Eskapade der Tagungsteilnehmer, die sich irgendwann lärmend ausziehen und aus dem Café geworfen werden. Aber – Kleinstadtmilieu eben! – wenn die Hemmungen erst mal gefallen sind, gibt es kein Halten mehr: sie machen auf der Strasse weiter.

Die Fürstenfeldbrucker, gewohnt wie die Schafe alles mitzumachen, was von der Ampergilde initiiert wird, steigen sofort mit ein. Es kommt zu einer Massenorgie von achttausend „Nackerten“ auf Hauptstrasse und Marktplatz, unterbrochen von Rückblendungen in die Zeit, wo NSdAP und SA auf dem gleichen Platz ihre orgienhaften Aufmärsche inszenierten, einen jüdischen Viehhändler namens Pickart misshandelten und über den Platz trieben. Man weiß nicht mehr: gehören die Kleider- und Schuhhaufen, die sich jetzt auftürmen, den Nackerten oder den damals landesweit Verschwundenen? Kehrt die verdrängte Geschichte wieder oder explodiert gerade ein neues, feuchtfröhliches Mitmachertum? Polizei trifft ein, wird ausgezogen und mit in den Strudel gesogen. Die ersten Todesopfer werden lachend abgelagert und nummeriert.

Der Exzess greift um sich, überschreitet die Stadtgrenzen. Militär riegelt die Stadt ab, internationale TV-Stationen bauen ihre Schüsseln auf. Der misshandelte und später erschlagene Pickart steht auf dem Balkon und schaut dem Treiben fassungslos zu: die Kinder seiner Mörder feiern auf dem Platz, auf dem er seine letzten Schritte tat. Wolf Achinger wandelt seltsam entrückt durch die schäumende Masse aus nackten Leibern.

Am Ende: Sieg der Ordnung

Der Mensch, sag´ ich immer, der braucht eine Ordnung, dann sind auch die Dinge selber in Ordnung. Weil die Ordnung selbst, net wahr, die liegt an sich ja quasi in der Natur der Dinge. - Es besteht also objektiv überhaupts keine Gefahr um die Stadt. Denn der Brucker versteht sich als Teil der Natur, und damit als Teil der Ordnung, die in den Dingen und mithin auch in ihm selber wohnt. Und was auch immer passiert ist oder grad passiert oder passieren wird, - man muss nur warten können, dann kehrt der Mensch zur Ordnung zurück, egal welche. Sei er nun aus Bruck oder versehentlich nicht.“

Fürstenfeldbruck


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