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Sonntagsblatt: Schlüsselroman zur NachkriegszeitBernd Späths »Trümmerkind«Quelle: Sonntagsblatt - Evangelische Wochenzeitung für Bayern - 05.05.2002 Soll man da lachen, während einem der Atem stockt? Ein Kleinstadtbürger des Jahres 2001 kommentiert ein Denkmal, das an den Todesmarsch Dachauer KZ-Häftlinge in den letzten Kriegstagen erinnert, mit folgenden Worten: »Schon ausg'schamt, der Jud`: Erst stirbt er, damit er uns a schlechts G`wissen macht, und nachert verlangt er a Denkmal!« In dieser kleinen Stadt, in der das »Trümmerkind« aufwächst, muss man eigentlich kaputt gehen. Diese kleine Stadt, das Fürstenfeldbruck in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, insbesondere in den 50-er und 60-er Jahren, gibt die Bühne her für ein großes Gesellschafts-Drama. Eine Nachkriegsgesellschaft sucht nach neuer Ordnung und Orientierung, doch dabei entsteht ein geistig-sittliches Milieu, das bizarr, ja schizophren ist: Man ist gut bürgerlich anständig und man ist zugleich äußerst unanständig und in höchstem Maße unmoralisch. Dieses Milieu zeichnet sich aus: durch eine in Freundlichkeit getarnte Intoleranz, durch Brutalität und Gemütlichkeit in einer bemerkenswerten Gleichzeitigkeit, durch eine latente Hitler-Sehnsucht, eine pathologische Nichtbetroffenheit, wenn es um so genannte Vergangenheitsbewältigung geht, und vor allem: durch einen offenbar nicht abzuschaffenden Antisemitismus. Bernd Späth, Jahrgang 1950, Bäckerssohn aus Fürstenfeldbruck, Jurist, heute Betreiber einer Presseagentur in Bonn und Autor, beschreibt aus der Ich-Perspektive des Wolf Achingers die Nachkriegszeit in der Provinz, wie sie erst das vierjährige Kind, dann der Gymnasiast, schließlich der Erwachsene erlebt. Der Erzähler wächst und entwickelt sich in diesem Roman, lebt und leidet in einer zerbrechenden Großfamilie der untersten Mittelschicht, spielt mit den »Grattlerkindern«, erlebt einige peinliche Liebesszenen, die in keinem Kitschroman stehen dürften, ist in den Kämpfen zwischen halbwüchsigen Peer-Groups involviert und bewaffnet sich mit einer Gaspistole. Und neben alledem klärt sich das Schicksal der wenigen Juden auf, die einst in Fürstenfeldbruck gelebt hatten. Ein 400 Seiten dickes Buch, das da in eine kleinbürgerliche Welt Oberbayerns hineinschlägt wie ein Bumerang, der denjenigen trifft, der ihn geworfen hat. Die Stadt ist der Grund, warum es dieses Buch gibt. Und doch steht Fürstenfeldbruck - pars pro toto - für das provinzielle Deutschland schlechthin. Bernd Späth gelingt das Kunststück, einen autobiografischen und doch exemplarischen Roman zu schreiben. Zwar ist es ein wenig gewöhnungsbedürftig, dass der Autor zwischen herzhafter Mundart (»Über den Jud an sich, net wahr, also da hatten sie mich ja frühzeitig informiert«) und intellektueller Ausdeutung munter hin und her wechselt, also verschiedene Sprachen im selben Atemzug spricht; auch muss man über die Deftigkeit der Sprache gelegentlich schlucken. Und völlig unpassend ist der Titel, den sich eine spätgeborene Lektorin ausgedacht hat. Aber insgesamt gilt die Empfehlung: Das »Trümmerkind« (ursprünglich geplanter Titel: »Gestört, aber bayerisch«) ist spannend und authentisch zu lesen; was könnte man Besseres über ein Buch angesichts heutiger meist allzu glatter Hochglanzliteratur sagen? Der Medienwissenschaftler Peter Glotz stuft das Trümmerkind ein als einen »aufregenden Solitär« im Range eines Zeitromans von Hans Fallada, der allerdings - Zeitgeschichtler seien gewarnt - zum Schluss ins Surreale kippt. Aber die Nachkriegszeit in der Bundesrepublik Deutschland war halt - alles in allem - ziemlich verrückt; wer über Werteverfall klagt, kann in diesem Buch etwas davon erfahren, wieso es zu dieser Verrückung moralischer Maßstäbe kam. |
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