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Landbote Winterthur: Eine Kindheit in den fünfziger JahrenBernd Späths Roman "Trümmerkind"Quelle: Der Landbote, Winterthur, 05.10.2002 In seinem autobiographischen Roman erzählt Bernd Späth vom Trümmerkind Wolf Achinger in einer deutschen Kreisstadt. "Es waren die frühen fünfziger Jahre, der Krieg war gerade dabei zur Erinnerung zu werden." Für den 1950 geborenen Bernd Späth setzen hier jene persönlichen Erinnerungen ein, die, bis etwa 1970 reichend, prägende Erfahrungen einer Kindheit und Jugendzeit in Fürstenfeldbruck umfassen. Fürstenfeldbruck ist eine unweit von München gelegene Kreisstadt mit vorwiegend mittelständischer Bevölkerung, mit Militärflugplatz und und einem berühmten Kloster. Hier während der fünziger und sechziger Jahre aufgewachsen zu sein entsprach indes nur scheinbar den Standardvorstellungen einer wohlbehüteten, unbeschwerten Kindheit; Die Realität sah anders aus, nämlich ungefähr so, wie sie sich in Späths Darstellungen spiegelt. Dabei werden Erlebnisse und Erfahrungen des in einer typisch bayrischen Großfamilie heranwachsenden Protagonisten ohne angestrengte, überzeichnende Dramatik geschildert - und auch ohne ideologische Programmatik, die der Ich-Erzähler zurückweist: "Auch heute noch habe ich ein ausgeprägtes Mißtrauen gegenüber jeder Art von Leuten, die ihre Leidenschaft für die politische Parteiarbeit entdeckt haben, egal welcher Coleur." Der Unvoreingenommenheit im Politischen und Weltanschaulichen trägt nicht unwesentlich zu Lebendkeit, Unmittelbarkeit und bisweilen gar "Heiterkeit" der Schilderungen bei. Bernd Späth erweist sich als kraftvoller, souveräner Erzähler; "Trümmerkind" bietet sich gleichermaßen als spannungsreicher Roman und als eine Art Kulturgemälde der Nachkriegszeit in einer deutschen Kleinstadt dar. Ebenso sehr wie das der Hauptgestalt aus früheren Erfahrungen vertraute "Kleinbürgertum" war der in allen Schichten anzutreffende Typus des ewigen Spießers wesentlich beteiligt an jenden Einschnürungen, am Sichausbreiten verschiedenartigster Variationen geistiger Dürftigkeit und erlebnishafter Dumpfheit, die bald in Feindseligkeit und Gewaltbereitschaft mündeten. Bleibende AnfälligkeitDas Kriegsende war in manchem und für manche eine rein äußerliche Zäsur; eine Durchlüftung der Hirne, einstmals hochtrabend Neubesinnung genannt, fand bestenfalls ansatzweise statt. Der Roman beginnt in der ersten Hälfte der fünziger Jahre mit Erfahrungen und Wahrnehmungen des im Kindergarten-Alter stehenden Protagonisten. Juden gab es in Fürstenfeldbruck nicht mehr, Antisemiten indes sehr wohl. Es gab Amerikaner (und Antiamerikanismus). Sie brachten neue Waschmaschinen, Kaugummi, Getränke mit fremdartig klingendem Namen; Wolf Achingers Vater brachten Sie Ungemach, indem sie ihn bei seiner Heimkehr aus dem Krieg in einem Bahnhof halb tot schlugen. So wirkten sich Ressintements und tatsächlich gemachte Erfahrungen nicht unwesentlich auf den weiteren Lauf der Dinge aus. Erstaunlich ist es zu sehen, wie manches, das in unseren Tagen als Novum wahrgenommen wird, in der Zeit der von Späth beschriebenen Geschehnisse teilweise ansatzweise, teilweise aber auch in bereits bedrohlichen Ausformungen anzutreffen war: bestimmte Erscheinungsformen politischer und wirtschaftlicher Korruption etwa oder eine Qualität der Gewalt, die sich bereits anders darbot, als jene des Opa Achinger, der ein gefürchteter Wirtshausschläger war. So trugen offenbar bereits in den frühen fünfziger Jahren viele Kinder aus (verständlicher, weil aus Erfahrungen resultierender) Angst vor Übergriffen durch Schlägerbanden Waffen mit sich. Bezogen auf die Erwachsenen galt: "Je ausgestossener und mittelloser die Betroffenen nämlich, desto unbedingter ud unkritischer der Schulterschluss untereinander, bis am Ende alle zur klebrigen Masse verkommen. Wer nichts zu verlieren hat, dem bleibt oft nur noch sein Rudelinstinkt - eine elementare menschliche Eigenschaft, die man nur noch als "Treue" zu propagieren braucht, um aus den so Zusammengeschweißten das Letzte herauszuholen. Solche Menschen sind anfällig für die autoritäre Botschaft eines Gangsterstaates, viel mehr noch: Keines dieser Regimes würde ohne diesen Bodensatz funktionieren, der sich mit Uniformen verkleiden läßt und gegen alles zu Felde geschickt werden kann, was schwächer ist" Eine zutreffende Interpretation -wobei anzumerken ist, dass Späth größtenteils nicht interpretiert sondern erzählt. Und wie er erzählt! Obwohl der Roman ohne den Anspruch, artifizielle Prosa zu sein, daherkommt, darf von Meisterschaft gesprochen werden, sowohl bezüglich Aufbau und Dramaturgie als auch der treffsicheren Portraitierungen der (teilweise recht knorrig wirkenden) Gestalten. Der Autor vermag zuzupacken und zu packen. Ungewohnte PerspektivenEine realistische Erzählweise wirkt für einmal nicht öde und langweilig, sondern bietet dem Spiel mit Spannung und Überraschungsmomenten durchaus Raum und ist so auch der Thematik angemessen. Originell und eigenständig wirkt der Roman nicht zuletzt darum, weil die "Nachkriegs- und Aufbaujahre" hier aus einer ziemlich ungewohnten, bisher weitgehend vernachlässigten Perspektive dargestellt werden. Es finden sich in "Trümmerkind" einige satte barocke Einlagen, die Vergleiche mit beispielsweise der Blechtrommel nicht zu scheuen brauchen. Bisweilen lassen Späths kraftvolle Schilderungen auch an Oskar Maria Graf, den unvergessenen bayrischen Erzähler denken. In jedem Fall darf gesagt werden, dass dem Autor mit "Trümmerkind" ein Zeitroman gelang, der aus dem Durchschnitt derzeitiger literarischer Hervorbringungen deutlich herausragt.
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