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Bonner Generalanzeiger: Ein Skandal, dass sich niemand aufregt.Dem in Bonn und Oberwinter lebenden Autor Bernd Späth ist mitVon Rainer Schanno, Bonner Generalsanzeiger Bonn. "Ich hasse die Stadt, denn ich war von Anfang an nie mit ihr zurechtgekommen. Meine Gesundheit war ziemlich angeschlagen, meine Finanzen im Arsch, mein Studium hing in den Seilen". Von Bonn ist so am Rande die Rede im neuen Roman "Trümmerkind" des heute 52-jährigen Autors Bernd Späth. Der gebürtige Bayer kehrt mit 24 Jahren seiner Heimatstadt Fürstenfeldbruck den Rücken und lebt seitdem in Bonn und Remagen-Oberwinter, wo er seinen Durchbruch als Schriftsteller mit seinem Erstlingsroman "Seitenstechen" schafft, als Komödie 1985 mit Mike Krüger und Thomas Gottschalk verfilmt. Mit "Trümmerkind" legt Späth einen wortgewaltigen Zeitroman eines ganz anderen Kalibers vor - er zeichnet ein prallvolles und zugleich scharf umrissenes Bild der Nachkriegszeit, von den frühen fünfziger Jahren bis zum Ende der Sechziger. Noch sind die Ruinen in Fürstenfeldbruck zu sehen, amerikanische Panzer fahren durch die Straßen, die Frauen geben ihre Strümpfe zum Laufmaschen-Reparaturdienst. Im aufziehenden Wirtschaftswunderland grüßt der paffende Kanzlerkandidat Ludwig Erhard mit dicker, qualmender Zigarre aus dem Mercedes das staunende Volk, das um seine Teilhabe am aufziehenden Wirtschaftswunder in der Adenauer-Ära kämpft. Der Vaters des Wirtschaftswunders tritt in der Versammlung auf: "Der Stumpen ging noch mehrmals aus, da Erhard hitzig auf die Roten eindrosch und darüber das Rauchen vergaß." Packend schildert der Autor in "Trümmerkind" seine Kindheit und Jugend in der Kleinstadt Fürstenfeldbruck - "letztlich meine eigene Biografie". Der kleine Wolf Achinger wächst in einer zerberstenden Großfamilie aus der unteren Mittelschicht auf. Der Vater, die Schlüsselfigur, kehrt verwundet, misshandelt, traumatisiert aus dem Krieg zurück, voller Hass auf Juden und Amerikaner. Der Roman beginnt mit den Satz: "Über den Jud an sich, net war, also da hatten sie mich ja frühzeitig informiert." Jud und Amerikaner seien an allem schuld, "beim Adolf" wäre das nicht passiert, sagen die Leute manchmal. "Die Schlüssigkeit einer bestimmten Art von Logik hat mich immer fasziniert, weil ihr einfach nicht beizukommen ist. Dieser Argumentation ist man wehrlos ausgesetzt, denn Verstand und Analyse greifen nicht", kommentiert der Autor im Roman. Der das bald schon als Jugendlicher begreift und immer wieder voller Wut den Kampf gegen Antisemitismus, gegen dumpfes Unverständnis und notorisches Verdrängen aufnimmt. Es sind theoretische Einsprengsel in einem Sittenbild der Gesellschaft in der Nachkriegszeit, brutal, zynisch, sarkastisch, ironisch in einer überbordenden Sprache erzählt, voller Emotionen - und mit sezierendem Blick. Alles geht zu Bruch in der gewalttätigen Großfamilie, in der Wolf aufwächst. Sein Vater betreibt in einem muffigen Haus eine kleine Bäckerei, in der es so herrlich nach frischem Brot duftet. Die Herrlichkeit ist bald vorbei. Wolfs Mutter Sophie, eine Friseuse, benutzt den Vater als Sprungbrett, haut einfach ab, lässt ihn und den fünfjährigen Sohn Wolf im Stich - ein unerhörter Skandal. Die neue Frau des Vaters, die Stiefmutter, entpuppt sich dem kleinen Wolf als hinterhältige Schlange. Die Großfamilie zerfällt, kein Wort mehr sprechen Vater und Stiefmutter am Ende der Jugendzeit mehr mit Wolf, nur der verbitterte Großvater spendet ein bisschen Wärme. Feinfühlig erzählt Späth von seiner großen Liebe, die indes einem dicken Mafioso in die USA folgt und zitternd wieder zurückkommt, als der ins Nirwana befördert wurde. Kabarett vom Feinsten mit entlarvenden Seitenhieben serviert Späth aus seiner Zeit als führender Funktionär der Jungsoziallisten in Bruck: vom schwarzen Soldaten, der bewundert als "Black Panther" aus den USA auftritt und doch in Bayern aufwuchs, oder von den nervenden Selbstdarstellern, die ihre Ehekonflikte unter dem Mäntelchen der Politik austragen. "Es regt mich auf, dass sich niemand aufregt." Dieser Satz zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman, erklärt zusammen mit der erschütternden Kindheit des Autors manche Verbissenheit, Sturheit und Anflüge von Selbstgerechtigkeit. Doch das gehört zur unverblümten Erzählweise. Die eingestreuten bissigen oder humorvollen Analysen aus heutiger Sicht erhöhen den Reiz des Romans. Der Leser wird mit seiner Neugier nach dem weiteren Lebensweg der ihn fesselnden Charaktere nicht allein gelassen. Er erfährt, wie elend, kriminell, wunderlich oder erfolgreich sie mit ihrem Leben fertig geworden sind. "Trümmerkind": Ein großer Wurf. (02.01.2003) |
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